Orgeln der Vergangenheit

Man weiß sehr wenig ist bekannt von dem frühesten Orgelwerk im Dom zu Magdeburg. Zwar erwähnt Praetorius dieses Instrument wiederholt in seinem Syntagma Musica, aber nicht mal sein Standort ist wirklich sicher belegt. Auf einer weiteren Seite haben wir die Information, die wir haben, zusammen getragen.

Im Jahre 1603 notierte Heinrich Compenius  bei der Vorbereitung seines großen Neubaus im Dom die Disposition einer im Dom schon vorhandenen Orgel, die er laut Aktenrecherche reparierte (Palme behauptete, er hätte diese Orgel abgebaut). Dieses Instrument war die Chororgel des Domes, also wäre ihrer Abbruch keine Voraussetzung für die Errichtung eines neuen Instrumentes auf der Westempore gewesen. Sie wurde ursprünglich 1536 von M. Michaelis für den Dom zu Halle gebaut, 1541 vom Magdeburger Domkapitel verpfändet und nach Magdeburg gebracht, wo sie auf dem Bischofsgang errichtet wurde. Diese Orgel, wie viele andere Orgeln dieser Zeit auch, beinhaltete sowohl Register die ein "Plenum" bildeten als auch Begleitregister, die im Chorton standen, also anders gestimmt waren. Diese Register konnten natürlich nicht zusammen benutzt werden. Im Endeffekt handelte es sich also um zwei Instrumente in einem.

      In der Eigentlichen Beschreibung / Der Welt berühmtem / DOM KIRCHE, / Fundation, Raritäten / und Zieraths / ...... / der Stadt Magdeburg, Ausgabe von 1716, ist zu lesen:

      15. Die kleinere Orgel befindet sich über dem Eingange in das Hohe Chor von der Seiten / wenn man zur Paradieß-Thüre herein kömmt, von welcher der gemeine Mann lange vorgegeben, als wenn sie vom Teuffel besessen wäre, so aber ganz falsch und irrig, indem selbige nur durch lange Unachtsamkeit unbrauchbar worden, nunmehro aber durch die Geschicklichkeit des jetzigen Organisten and der hiesigen hohen Stiffts-Kirche, Herrn George Tegtmeyers, Anno 1715. in solchen Stand wieder gebracht ist, dass sie allezeit bey der Musique gerühret wird.

      16. Über diß ist auch ein Positiv auf einem sonderlichen Chor von lauter hölzernen Pfeiffen, mit 6. Stimmen und 1. Tremulant, so Anno 1619. zu Cassel von Georg Weißlanden, aus Amberg bürtig gemacht, einen sehr lieblichen und anmuthigen Resonanz giebet, und vor der Reperation der vorhergehenden Orgel zur Music gebraucht worden.

Die Orgel, die Heinrich Compenius der Jüngere aus Halle in den Jahren 1604 bis 1615 (laut Inschrift auf dem Gehäuse und des folgenden Berichts, aber die Schlußrechnung wurde 1605 bezahlt) erbaute, wurde als eines der bedeutendsten Instrumente seiner Zeit angesehen.

      (Palme gibt die Jahre 1604 / 5 an, aber im Dom zu Magdeburg, beschrieben von J.F.W. Koch, Domprediger, Superintendenten und Mitgliede ds  Königl. Preuss. Magdeb. Consistoriums - ohne Datum - ist zu lesen:

      20. Ehe man zur Abseite fortgeht, wird man wohl thun, einige Schritte in die Mitte des Schiffs der Kirche zurückzutreten um einen Blick auf die grosse Orgel zu werfen, welche über der Capelle in einer Höhe von 50 bis 108 Fuss steht und mit einer Menge von vergoldetem Schnitzwerk und Statuen geziert ist. Diese können durch Ziehwerke in Bewegung gesetzt werden. So z.B: David und Salomo, welche die Köpfe drehen; zwey Engel mit einer Laute und Zitter, welche sich ganz umwenden; mehrere Trompeter, welche das Instrument ansetzen und abziehen, und ganz oben ein schwarzer Adler, der sich in die Höhe hebt. Auf dem vordern Rück-Positiv steht in der Mitte ein Engel mit dem Notenbuch, der mit einem Stabe den Tact schlägt und zu seinem Füssen und vergoldeter Hahn, der mit den Flügeln schlägt......

      Sie hat 43 klingende Register; ist von 1604 bis 1615 gebauet, und ein Werk des damals berühmten Hallischen Orgelbauers Heinrich Compen. ...... Die Wappen und Namen dieser vier Künstler (Anm.: Bildhauer usw wurden benannt) stehen unter an der Orgel, so wie auch folgende Inschrift:

        Laudate Deum in tympano et choro; laudate eum in chordis et organo. Psalm CL

        Anno Domini MDCIV die XV. Maji inchoatum est hoc opus organicum et completum est ultima Novembris anno 1615. opera Henrici Compenii civis Hallensis

       

Ihre Disposition wurde von Michael Praetorius im zweiten Teil,  "De Organographia", seines 1619 in Wolfenbüttel veröffentlichten Hauptwerkes "Syntagma musicum" mitgeteilt. Diese Orgel umfasste drei Manualwerke (spielbar von zwei Manualen aus - das Brustwerk wurde wahrscheinlich vom Oberwerk aus bespielt), einschließlich eines 32' Principals im Oberwerk, der bis zum tiefen F ausgebaut war (also 24' Länge). Insgesamt besaß die Orgel 42 Register, 2 Tremulanten, Vogelgesang und eine Trommel. Praetorius berichtet, dass es 12 Lederbälge gab, gibt aber dazu keine weiteren Einzelheiten.

Orgel von Heinrich Compenius, 1604-6

        Koch, op. cit, weiter: Mit dieser Orgel wird jährlich am Nachmittage des Michaelissontags, insonderheit den zu Tausenden hereinströmenden Landleuten, ein Volksschauspiel gegeben. Nach Absingen eines Liedes wird nehmlich die Orgel mit vollem Werke gespielt, wobey sich sämmtliche daran befindliche Figuren mit ihren musikalischen Instrumenten bewegen. Nach Beendigung des Orgelspiels schlägt der Hahn dreymal die Flügel und es lässt sich eben so oft ein Hahngeschrey hören, welches man durch eine einzelne Orgelpfeife oder auch durch das Mundstück einer Hoboe bewerkstelligt.

        Wann und woher dieser seltsame Gebrauch entstanden sey, ist nicht bekannt, wiewohl er ursprünglich zur Feyer der Verläugnung Petri gedient haben mag. Aber es wäre Pflicht, diesem Unfug ein Ende zu machen. Denn abgesehen auch davon, dass dieses Schauspiel der Würde eines Tempels entgegen ist, und manche Verunreinigungen und selbst Verwüstungen zur Folge hat, so ist es auch nicht ganz ohne gefahr, da in dem ungeheuren Gedränge sowohl, als auch durch das sehr besorgliche Herabstürzen der durch Zeit und Würmer wandelbar gewordenen Figuren von einer so bedeutenden Höhe leicht ein Unglück entstehen kann. Dennoch sind bisher die zuweilen gemachten Versuche, diesen Missbrauch abzuschaffen, vergeblich gewesen, weil der Landmann nun einmal so sehr daran hängt, dass die Messleute durch die Aufhebung dieser Volkslustbarkeit sehr zu verlieren meinen.

        Eustachius Zehne, Die Hochstiftskirche / oder / der Dom in Magdeburg, 1784: Der Zulauf des Volkes ist an diesem Tage sehr groß, vorzüglich von jungen ledigen Landleuten, welche glauben, daß sie, wenn sie den Hahn haben krähen hören, noch in demselben Jahre sich verheirathen werden.

Während die Stadt im dreißigjährigen Krieg von den Truppen des Feldherrn Tilly fast vollständig zerstört wurde, entkam die Orgel 1631 der Vernichtung. Dieser Gefahr entkommen, wurde das Orgelgehäuse 1830 dann aber im Rahmen der Restaurierung des Domes unter Karl Friedrich Schinkel abgetragen, und es wäre kaum anzunehmen, dass die Orgel selbst nach der Nutzung des Domes als Stall und Scheune während der Besetzung der Stadt durch Napoleon 1806 - 1814 im guten Zustand gewesen ist. Die prachtvolle Fassade wurde im Turm gelagert, wo sie 1945 entdeckt und verheizt wurde. Einzig der goldene Hahn und eventuell eine weitere hölzerne Figur, derer Provenienz nicht eindeutig geklärt wurde,  verblieben als Erinnerung an diesen herrlichen Prospekt.

Schinkels neoklassizistische Fassade sah folgendermaßen aus:

Gehäuse

Daraus ist schon ersichtlich, dass die Compenius-Orgel grundlegend umgebaut worden war (sie hat kein Rückpositiv mehr), und das nicht zum ersten Mal:

      aus der Beschreibung der vorzüglichen Merckwürdigkeiten und Kunstsachen der Stadt Magdeburg von August Christoph Meinecke des Jahres 1786:

      Ehe ich weiter gehe, will ich die große Orgel oben über dem großen Gitter in meiner Beschreibung hier auch gleich mitnehmen, weil das ohnedieß mein Leitfaden schon verlangt. Diese große Orgel hatte in den ersten und ältern Zeiten 43 Register oder Stimmen. Sie ist aber vor einigen Jahren ganz neu reparirt und so zu sagen umgearbeitet worden, daß sie nunmehr erst recht vorzüglich schön in ihren Stimmen geworden ist, die ich also, den Organisten und Sachverständigen zu Gefallen, etwas umständlicher im Folgenden beschreiben will.

      Es folgt die Disposition.

Die Ernennung August Gottfried Ritters (1811-1885) zum Domorganisten im Jahre 1847 machte Magdeburg zu einem Zentrum des Geschehens in der Orgelwelt. Ritter, der in Erfurt geboren wurde und Domorganist in Merseburg war, bevor er nach Magdeburg kam, war nicht nur einer der bekanntesten Orgelvirtuosen seiner Zeit sondern auch ein angesehener Komponist und Improvisator,  zugleich "Königlich-Preussischer Orgelrevisor" (zu jener Zeit war Magdeburg Hauptstadt der preußischen Provinz Sachsen). Liszt, der ihn gut kannte, verehrte ihn sehr. Unter solchen Umständen war es kein Wunder, daß bald Pläne für ein neues Instrument unter Verwendung des Gehäuses von 1830, das im neogotischen Sinne umgebaut wurde, aufkamen.

August Gottfried Ritter (1811-1885)

Der Orgelbauer, der für dieses Projekt auserwählt wurde, war Adolph Reubke, Vater des Komponisten Julius Reubke (ein Mitglied von Franz Liszts "Weimarer Kreis"), dessen Werkstatt in Hausneindorf im Harz in ca. 60 Kilometer Entfernung lag. Zwischen 1856 und 1861 plante und baute er ein viermanualiges Instrument mit 81 Registern. Ein weiteres, fünftes Manualwerk, ohne eigene Klaviatur und vom dritten Manual aus spielbar, kam später hinzu. Reubke übernahm das Gehäuse von 1830, baute es aber um:

      Den Prospekt ließ man 1856 mit großem Geschmack besonders in der oberen Hälfte durch Gitterwerke, Spitzgiebel und Fialen außerordentlich verschönern und gab ihm einen mattdunkelgrünen Anstrich mit reicher Vergoldung, wie er heute noch besteht. 1856-1861 wurde auch die Orgel nach einer Disposition des Domorganisten Professor A. G. Ritter von dem Orgelbaumeister A. Reubke aus Hausneindorf neu erbaut, aber unter Verwendung einer Anzahl Stimmen aus der alten Orgel. (Palme 1906).

roever

Die Orgel besaß mechanische Trakturen mit Barker-Hebeln. Ritter liebte anscheinend dieses Instrument sehr, obwohl Palme berichtet, daß die Traktur nie wirklich gut funktionierte: "Man saß an der Orgel wie auf einem störrischen Pferd und war glücklich, ohne Unfall davon zu kommen."

Das erkennbar klassische Aufbauprinzip dieser Orgel war einem Organisten der Generation Ritters noch annehmbar, sogar wünschenswert. Aber selbst zeit seines Lebens fand Ritter sich gezwungen, viele Kämpfe mit Orgelbauern zu führen, die nicht willens waren, die repetierenden Mixturen zu bauen, auf die er immer noch bestand.

Theophil Forchhammer

Der Amtsantritt Theophil Forchhammers als Nachfolger Ritters  im Jahre 1886 schuf neue Voraussetzungen. Forchhammers Vorstellungen vom guten zeitgenössischen Orgelbau waren von denen Ritters grundverschieden. 1906 war Forchhammer in der Lage, eine völlig neue Orgel bei Ernst Röver, der die Werkstatt Reubkes in Hausneindorf übernommen hatte, in Auftrag zu geben.

Die Orgel Rövers umfaßte zwar nur drei Manuale, aber genau 100 Register. Palme lobte die schnelle präzise pneumatische Traktur (dank des genialen Röverschen Kastenladens) und schrieb: "Die Majestät des Vollen Werkes, mit seinen volltönenden Bässen (einschließlich drei 32'-Registern) ist wahrlich überwältigend in seiner Kraft, Klangfülle und Erhabenheit, und füllt den immensen Raum bis in den entferntesten Winkel." Ein weiterer Eingriff in der Gehäusegestaltung geschah dabei: sie wurde 50cm höher aufgebaut und um 2m 50 nach hinter gerückt, um einen Choraufbau vor der Orgel zu erlauben.

      Palme, op. cit.: Dies war eine deutliche Verbesserung, denn hierdurch wurde nicht nur ein ansehnlicher Chorraum zur musikalischen Aufführungen gewonnen, sondern auch eine Verbindung des Organisten mit dem Chordirigenten ermöglicht, die total fehlte , denn der Organist hatte früher sein Platz eine ganze Etage höher in der Orgel selbst hinter dem mittelsten großen Pfeifentürme - eine Einrichtung, welche durch die kolossale Ausdehnung der Orgel nach Schleifladensystem bedingt wurde.

Bereits 32 Jahre nach Vollendung der Röver-Orgel schrieb der "Reichsorgelrevisor" und Musikdirektor der Universität Erlangen, Georg Kempff (Bruder des Pianisten Wilhelm) in einem Gutachten über die Orgel, dass diese zu nichts anderem als zum Brüllen und Flüstern fähig sei. Seine Schlußfolgerung: da eine (gute) Orgel "ihre Kraft aus den hohen Mixturen gewinnt", bliebe nichts anderes zu tun, als dieses Instrument abzureißen und ersetzen.

BreiteWeg_DomDies erwies sich als unnötig: zwar verschonten die Bombenangriffe im Januar 1945, die 80% der Stadt zerstörten, die Westfassade des Domes und die Orgel, aber eine am 17. Februar desselben, letzten Kriegsjahres von einem Tiefflieger-Piloten offensichtlich gezielt zwischen die Türme abgeworfene Feuerbombe riß ein großes Loch in die Fassade des Domes. Die mündliche Überlieferung, nach dem diese Bombe ein direkter Treffer an der Orgel erzielte, stimmt zwar nicht: das Bild zeigt deutlich, dass nicht die Orgelempore sondern der Zimmermannsboden getroffen wurde, und das Gewölbe zwischen den Etagen wurde zerstört. Die Orgel wurde durch die tonnenschweren, herabstürzenden Gewölbeteile vollständig zerstört; an eine Reparatur war nicht zu denken. Bilder aus der Zeit zeigen eine intakte Fassade; dahinter steht aber offenbar nichts. Da der Dom aber selbst gesperrt war, und bis 1957gallery blieb, gab es ohnehin keine Notwendigkeit für eine Orgel dort. Der Magdeburger Orgelbauer Felix Brandt baute die Reste ab im Zuge der allgemeinen Sicherung des Domes. Pläne, das gewonnene Material zumindest zum Teil nach Potsdam zu bringen und einzuschmelzen, um es beim Neubau der Orgel im Remter zu verwenden, scheiterten daran, dass es keine Kisten gab. Was mit dem wiederverwendbaren Material geschah, ist zur Zeit nicht bekannt.

Die große Westempore blieb danach 60 Jahre leer.

Nach der Zerstörung des Gotteshauses wurden alle Gottesdienste der Domgemeinde im Remter, dem Refectorium der alten klösterlichen Stiftung, das den Ostflügel des Klosters bildet, gehalten. Dieser Raum ist eine lange, sehr schöne aber ziemlich niedrige zweischiffige gotische Halle, die in der Mitte durch eine Reihe Marmorsäulen getrennt ist. Der Remter dient der Domgemeinde noch heute von Mitte Oktober bis Mai als Winterkirche, da der Dom selbst nicht heizbar ist.

Der Remter; die Orgel ist im Hintergrund gerade sichtbar

Gerhard Bremsteller, erster Domorganist nach dem Krieg, gelang es 1949 eine größere Orgel für diesen Raum zu erwerben, um das kleine zweimanualige, romantische Instrument von Furtwängler und Hammer, das aus der zerstörten Domschule leihweise dorthin übernommen wurde, zu ersetzen. Die Firma Schuke aus Potsdam wurde damit beauftragt, die Arbeiten durchzuführen. (Die Firma stand zu dieser Zeit unter der Leitung Karl Schukes, eines der beiden Söhne des Firmengründers Alexander). Kurze Zeit später, nach dem Rückkehr des jüngeren Bruders aus russische Gefangenschaft,  übergab Karl den Familienbetrieb in die Hände seines Bruders Hans-Joachim und übernahm die "Berliner Orgelbauwerkstatt" in Westberlin, ein Betrieb, der in seinem Auftrag von Ernst Bittcher gegründet worden ist.)

Schuke wünschte anfangs eine relativ kleine, 22-registrige, zweimanualige Orgel mit Rückpositiv zu ebener Erde zu bauen. Dabei wollte er die Höhe des Bauwerkes direkt unter dem höchsten Punkt des Gewölbe ausnutzen, mehr oder weniger an der Stelle, von der dieses Bild aufgenommen wurde. Letzten Endes gab er aber den Wünschen Bremstellers nach und baute nach dessen Konzeption eine dreimanualige Orgel mit 29 Registern an die nördliche Stirnwand. Das hatte zur Folge, daß der interessanteste Teil der Orgelfassade (die Orgel hat kein geschlossenes Gehäuse) sich direkt hinter einer Säule befand und in der Gänze von keiner Position im Raum aus gesehen werden konnte. Weiteres Bild. Der Disposition der Orgel nach zu beurteilen müsste sie ein typisches neobarockes Instrument sein, aber die engen Labien und Kernspalten und die sehr hohen Aufschnitte der Principale verliehen dem Instrument einen Klang, der sich weit ab von dem hellem, fast spitzen Klangbild bewegte, das zu dieser Zeit herrschend war. Das ist natürlich an sich kein Nachteil, aber das Konzept war in dem Raum kein Erfolg. Bedingt, unter anderen,  durch die Schwierigkeit der Materialbeschaffung in den Nachkriegsjahren war die Orgel immer ein Sorgenkind; eine fünfte und letzte Reinigung und Instandsetzung erfuhr sie im Jahre 1992, bevor sie 1996 verstummte. Eine lange Streit mit dem Landesamt für Denkmalpflege über den künftigen Umgang mit dem Instrument, das  1988 zum Denkmal erklärt worden war, entfachte, und wurde erst mit der Genehmigung des Abbaus durch die zuständige untere Denkmalbehörde 2007 beendet. Im Juli des Jahres wurde die Orgel von den Technikern des Lamplschen Orgelmuseums in bayerischen Valley abgebaut und dorthin gebracht. Eine Zusammenfassung der Entstehungsgeschichte dieser Orgel und der Auseinandersetzung um ihre Zukunft ist hier zu lesen. Die Orgel ist nun in Polen wieder errichtet worden.

Seit mehr als zehn Jahren dient also eine bescheidene Digitalorgel für sieben Monate des Jahres als Domorgel. Nach Vollendung der neuen grossen Domorgel und Abschluss der für 2008 geplanten Sanierung des Remters wird eine geeignete Lösung für diesen Raum gesucht. Die vorläufige Planung sieht ein etwa 22-registriges Instrument vor, dessen Hauptbestand den mitteldeutschen Orgelbau des 18. Jahrhunderts als Modell nimmt; es soll aber keine Stilkopie entstehen.

Nachdem die Reparaturen der Kriegsschäden am Dom 1955 mehr oder weniger vollendet waren, nahm Gerhard Bremsteller Verhandlungen zum Bau einer neuen Domorgel auf. Sein Konzept sah eine große Orgel mit elektrischer Traktur auf der Westempore, verbunden mit einer kleineren "Gegenorgel" auf dem "Bischofsgang", dem oberen Umgang des Hohen Chores, vor. Letztere sollte mechanische Traktur bekommen, aber auch elektrisch vom Spieltisch der Hauptorgel aus fast 120 Metern Entfernung spielbar sein. Angebote wurden von einer Vielzahl von Firmen, darunter auch Schuke, Jehmlich und Eule, eingeholt. Aus diesem Konzept gingen ein Anzahl von Problemen hervor, darunter diese:
- das Amt für Denkmalschutz war nicht gewillt, den Bau einer Orgel weder auf der einen noch der anderen geplanten Stelle im Dom zu erlauben, obwohl historisch belegbar war, daß dort schon seit über 750 Jahren in der Geschichte des Domes Orgeln ihren Platz hatten.
- der damalige Orgelrevisor im Konsistorium der Kirchenprovinz Sachsen, Willi Strube, warnte aus akustischen Überlegungen gegen die Verwendung der Westempore für den Orgelbau - zu Unrecht, wie heute wieder klar wird. .
- seit der preußischen Säkularisierung im Jahre 1830 war der Dom Eigentum des Staates. Dies bedeutete, daß der Staat für die Orgeln selbst und den finanziellen Aspekten eines solchen Neubau-Projektes verantwortlich war. Selbstverständlich war die kommunistische Regierung nicht sonderlich daran interessiert, sah aber in der Tat für einige Jahre jährlich einen bestimmten Geldbetrag vor unter der Bedingung, daß das Geld innerhalb eines Jahres verbraucht werden mußte. Da es nie genug zur Vollendung der Orgel war und da die benötigten Materialien innerhalb der angegebenen Zeitspanne nicht erworben werden konnten, konnte einen Auftrag nie vergeben werden.

In der Zwischenzeit konnte die Domgemeinde eine eher mittelmässige Orgel der Firma Schuster aus Zittau im Dom aufstellen und benutzen. Diese Orgel wurde ursprünglich für die Heilig-Geist-Kirche erbaut, die erste der fünf innerstädtischen gotischen Pfarrkirchen in Magdeburg, die nach dem Krieg wieder aufgebaut werden konnte. Dieses Gotteshaus wurde aber, gleichwie den Ruinen der Katharinen-, Ulrichs- und Jakobskirchen, auf Anordnung der Ulbrich-Regime, in den 50 Jahren gesprengt. Die Orgel befindet sich nun, ohne Prospekt, 16 Pedal Offenbass und die großen Oktaven von den 8 und 4 Prinzipalen des Hauptwerkes, in der Nikolaikirche in der Neuen Neustadt.

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